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Der Stifter

Elternhaus und Ausbildung

DANNIE N. HEINEMAN wurde am 23. November 1872 in Charlotte, North Carolina/U.S.A. geboren. Sein Vater James, dessen Familie bereits in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts aus Deutschland nach Bangor, Maine/U.S.A., ausgewandert war, führte in Charlotte ein Tabakgeschäft. Dort traf und heiratete er Dannies Mutter Minna (geb. Hertz), die gerade erst aus dem niedersächsischen Ottersberg angekommen war. Beide Eltern waren jüdischen Glaubens. Nach dem frühen Tod ihres Ehemannes blieb Minna mittellos mit der Verantwortung und Sorge für ihre zwei kleinen Söhne Dannie und Alfred (der 1887 im Alter von elf Jahren nach einer Krankheit starb) zurück. Sie schaffte es, genügend Geld zu verdienen, um im Jahre 1883 nach Deutschland zurückzukehren, wo sie sich in Hannover in der Nähe von Freunden niederließ. Um finanziell über die Runden zu kommen, eröffnete Minna eine Pension. Dannie gab Privatunterricht in englischer Sprache. Nach der Schulzeit wollte der junge Heineman Medizin studieren, war aber nicht in der Lage, sein Studium aus eigenen Kräften zu finanzieren. Glücklicherweise gab es ein Stipendium im Technikwesen für amerikanische Studierende an der Technischen Hochschule Hannover, das durch einen erfolgreichen amerikanischen Geschäftsmann gestiftet worden war, der früher dort studiert hatte.

Eintritt in die Berufstätigkeit

Heineman nahm diese Gelegenheit wahr und erwarb nach erfolgreichem Studium am 18. Juli 1893 das Diplom als Elektroingenieur. Anschließend trat er in die Union Elektrizitäts-Gesellschaft, Berlin (UEG, später: AEG) ein, die zunächst als „Deutsche Edison“ von Emil Rathenau, dem Vater des bekannten Industriellen und späteren Außenministers Walter Rathenau gegründet und geleitet wurde. Zu dieser Zeit beabsichtigte das amerikanische Technikunternehmen General Electric, zu dessen Unternehmensleitung Charles Steinmetz und Thomas Edison gehörten, Lizenzen ihrer Produkte ins Ausland zu vergeben — allerdings unter einer Bedingung: Das lizenznehmende Unternehmen müsse drei amerikanische Ingenieure beschäftigen. UEG beschäftigte damals neben Heineman zwei amerikanische Ingenieure und erhielt daher die begehrte Herstellungslizenz. Nach zweijähriger Verwaltungstätigkeit im Hauptbüro in Berlin wurde Heineman in den folgenden vier Jahren im Außendienst mit der Elektrifizierung von Straßenbahnnetzen und der Errichtung von Kraftwerken und Verteilungsnetzen in Belgien (Lüttich), Deutschland (Koblenz) und Italien (Neapel) betraut.

Aufbau seiner Handschriftensammlung

Im Februar 1898, als Heineman als Ingenieur in Lüttich arbeitete, kaufte er eine fünf Centime teure Ausgabe von l’Aurore, die Zolas schallende Streitschrift „J’accuse“ enthielt. Tief beeindruckt behielt Dannie diese Ausgabe, die dann die erste Anschaffung seiner riesigen Sammlung sein sollte, die heute in der Pierpont Morgan Bibliothek in New York beheimatet ist.

Sie enthält besonders Handschriften, darunter Autographen und Manuskripte von Bach, Beethoven, Chopin, Haydn, Mendelssohn-Bartholdy, Mozart, Schubert, Schumann, Richard Strauß und Wagner.

Weiter umfaßte sie einen Teil von Goethes „Faust II.Teil“, Briefe Napoleons, einen Brief Keplers an Luther, Handschriften von Schiller und Heine sowie das vollständige Manuskript von Rousseaus Roman „La nouvelle Heloïse“. Diese Sammlung, die auch Originaldokumente von berühmten Wissenschaftlern wie Einstein präsentieren kann, zeigt eine herausragende Eigenschaft des Stifters, denn Dannie Heineman „war voll Ehrfurcht vor Menschen, die schöpferisch waren“.

Die Sofina

Im Jahre 1901 beteiligte sich die UEG an der belgischen Gesellschaft Union Electrique und vertraute Heineman in Anerkennung seiner Fähigkeiten die Führung dieses Unternehmens an. Unter seiner Leitung wurden mehrere Kraftwerke und Verteilungsnetze in Belgien gebaut sowie Kohlebergwerke und Stahlwerke elektrifiziert.

Das Lebenswerk Heinemans wurde die Société Financière de Transports et d’Entreprises Industrielles (Sofina), S.A., in Brüssel. Im Jahre 1905 übernahm er die Leitung dieser kleinen, 1898 von einer Gruppe belgischer Bankiers und deutscher Industrieller gegründeten Gesellschaft. Der Wirkungskreis der Sofina war damals sehr beschränkt. Das Personal bestand aus nur drei Angestellten: einem Verwalter, einem Buchhalter und einem Laufjungen. Dannie Heineman stellte bei seinem Eintritt die Bedingung, nach sechs Monaten die Gesellschaft verlassen zu können, falls er nicht in die Lage versetzt würde, wichtige neue Projekte zu entwickeln. Er blieb jedoch genau 50 Jahre an der Spitze dieser Gesellschaft. Erst im Jahre 1955 trat er im Alter von 83 Jahren in den Ruhestand.

Bis zum Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Sofina von einem kleinen Straßenbahn Unternehmen zu einer der bedeutendsten Energiewirtschafts- und Finanzierungsgesellschaften der Welt, die über 40.000 Mitarbeiter beschäftigte. Unter Heinemans Leitung wurden Sofina-Ingenieure in Zentral- und Südamerika, Westeuropa und im mittleren Osten als Berater für den Bau und die Entwicklung von Wasser und Dampfelektrizitätswerken und -netzen aktiv. In der Erkenntnis, dass technische Beratung allein nicht genügt, übernahm die Sofina auch die finanzielle und administrative Beratung und Abwicklung vieler Projekte. Als Folge der gesammelten Erfahrungen auf allen diesen verschiedenen Gebieten und auf der Grundlage von Forschungen in eigenen Laboratorien wurde die Sofina unter Heinemans Leitung führend auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Analyse sowie der wissenschaftlichen und technischen Forschung.

Das Lebenswerk

Dannie Heineman wird aufgrund seiner Führungsqualitäten, seines Organisationstalents und seines wirtschaftlichen Weitblicks in die Reihe der großen Pioniere moderner Technik gestellt, die das Gesicht Europas veränderten. Im Jahre 1930 verlieh ihm die Universität zu Köln die Würde eines Ehrendoktors und verwies zur Begründung auf seine Pionierarbeit bei der Entwicklung und Verteilung elektrischer Energie, auf seine Erkenntnis ihrer Notwendigkeit und auf seine Fähigkeiten beim Aufbau von Stromerzeugungs- und -verteilungsanlagen. Mit der Ernennung zum Ehrensenator ehrte die Technische Hochschule Hannover ihren früheren Studenten am 13. April 1955 für seine erfolgreiche Betätigung als Begründer einer weltweiten Elektrizitätswirtschaft, als Ingenieur und Unternehmer und für seine Förderung der friedlichen internationalen Zusammenarbeit. Heineman nutzte seinen beträchtlichen Reichtum, um der Allgemeinheit zu helfen. Die von ihm geförderten gemeinnützigen Projekte lagen auf den Gebieten der wissenschaftlichen Forschung, der Bildung, der Mildtätigkeit und der Künste. 1928 gründete er zum Andenken an seine Mutter, die im Jahr zuvor gestorben war, die „Minna-James-Heineman-Stiftung“ mit Sitz in Hannover.

Politisches Engagement

Dannie Heineman setzte auch politisch wirksame Zeichen für Frieden und Wohltätigkeit in der Welt. Als Belgien 1914 zu Anfang des Ersten Weltkrieges besetzt wurde, befürchtete Heineman, dass die Bevölkerung ohne Nahrungsmittelzufuhr aus dem Ausland hungern würde. Er leitete daher diplomatische Verhandlungen zwischen Deutschland, England, Frankreich und später den Vereinigten Staaten in die Wege und verhinderte so eine Hungersnot in Belgien. Er spielte die entscheidende Rolle bei Gründung und Aufbau des „Comité National de Secours et d’Alimentation“ und der „Commission for Relief in Belgium“. Diese Organisationen verfolgten den Zweck, Belgien mit Nahrungsmitteln zu versorgen. In Anerkennung dieser Verdienste verlieh ihm die belgische Regierung in den fünfziger Jahren das „Grand-Croix de l’Ordre de Leopold II“ und ernannte ihn zum „Grand-Officier de l’Ordre de Leopold“. Heinemans vielfältige politische Aktivitäten zeigten sich auch in seinem Einsatz für die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Seine im Jahre 1930 unter dem Titel „Skizze eines neuen Europa“ veröffentlichten Reden, die er bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten hatte, zeigen, dass seine Ideen der Zeit weit vorauseilten. Was damals als Visionär galt, findet sich heute in der Europäischen Integrationsgemeinschaft teilweise verwirklicht.

In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg versuchte Heineman einerseits den Kontakt zwischen Oppositionskreisen in Deutschland, etwa Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, mit den Politikern westlicher Staaten herzustellen, andererseits Bedrängten des Naziregimes zu helfen. So unterstützte er fast hundert belgische Familien bei ihrer Flucht nach Luxemburg und in andere Staaten und half ihnen bis zur Gründung einer eigenen Existenz.

Konrad Adenauer

Als der spätere erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, 1933 von den Nationalsozialisten als Oberbürgermeister von Köln und als Präsident des Preußischen Staatsrates abgesetzt worden war, wurden gleichzeitig seine sämtlichen Bezüge und Bankkonten gesperrt. Lazarus berichtet: „Der kleine Amerikaner ging mit ausgestreckter Hand auf Adenauer zu und begrüßte ihn in der neuen Umgebung mit derselben achtungsvollen Herzlichkeit, mit der er ihm früher in seinem Amtszimmer gegenübergetreten war. Dann sagte er ohne Umschweife: ‘Ich kann mir denken, dass Sie jetzt Geld brauchen, Herr Adenauer. Ich habe Ihnen 10.000 Mark in bar mitgebracht, denn bei Einlösung eines Schecks würden Sie sicher Schwierigkeiten haben.’ Es war einer der seltenen Augenblicke in Adenauers Leben, in denen ihn eine Situation fassungslos sah. ‘Aber, das geht doch nicht,’ wehrte er ab, ‘ich weiß doch gar nicht, ob ich je in die Lage komme, Ihnen die Summe zurückzuzahlen. Mein Gehalt ist gesperrt und mein Bankkonto ...’ Heineman schnitt ihm die weiteren Worte mit einer Handbewegung ab. ‘Ich weiß, dass das Geld gut angelegt ist’, sagte er, zog seine Brieftasche und legte ein Kuvert mit Geldscheinen auf den Tisch. Einen Schuldschein lehnte er beinahe unwillig ab, und als Adenauer danken wollte, stand er hastig auf, schüttelte dem Verdutzten die Hand und ging, eilig und geschäftig wie immer.“

Motivation der Stiftungserrichtung

Ende der fünfziger Jahre gelang es Heineman, den Beginn der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Israel und der Bundesrepublik anzustoßen. Schon im Jahre 1936 war Dannie Heineman mit Dr. Chaim Weizmann zusammengetroffen, der ihn zu einem aktiven Freund des damaligen Daniel-Sieff- Forschungsinstituts in Rehovot/Israel machte und ihn auch für dessen Ausbau zu interessieren suchte. Durch ein Empfehlungsschreiben für Dr. Josef Cohn, den Vertreter des Weizmann-Instituts in Rehovot, kam ein Treffen Cohns mit Adenauer zustande. Die politische Unterstützung des Vorhabens durch den deutschen Bundeskanzler brachte schließlich die Kooperation zwischen Max-Planck-Gesellschaft und Weizmann-Institut hervor. Durch die Ehrenmitgliedschaft geehrt würdigte Adenauer am 3. Mai 1966 im vollen Ornat des Weizmann-Instituts ausdrücklich die Verdienste seines Freundes Dannie Heineman um die deutsch-israelische Freundschaft.

Im Jahre 1940 verlegte die Familie Heineman ihren Wohnsitz aus dem kriegsgeschüttelten Europa nach New York. In den U.S.A. gründeten Dannie Heineman und seine Frau Hettie die „Heineman Foundation for Research, Educational, Charitable and Scientific Purposes, Inc.“. Die Heineman-Foundation unterstützt aktiv die wissenschaftliche Forschung, Bildungsprojekte und die Künste, insbesondere die Musik. Eine besondere Förderung erfährt die Herzforschung und Herzchirurgie, wie sie am Heineman Medical Research Center of Charlotte, North Carolina, geleistet wird — eine Einrichtung, die Heineman ebenfalls gestiftet hat. Der „Dannie Heineman Prize for Mathematical Physics“, der seit 1959 von der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft und dem Amerikanischen Institut für Physik gemeinsam verliehen wird, geht auf die Heineman Foundation zurück und wird durch sie gefördert. Außerdem verleiht das American Institute of Physics in New York den „Dannie Heineman Prize in Astrophysics“.

Dannie N. Heineman nahm am Ende seines Lebens seinen Wohnsitz in Greenwich, Connecticut/U.S.A., wo er am 31. Januar 1962 in seinem 90. Lebensjahr verstarb. Er wurde in seiner Geburtsstadt Charlotte begraben.

Den Eltern des Stifters verdankt die Minna-James-Heineman-Stiftung ihren Namen. Zum Andenken an James Heineman und insbesondere an seine 1927 in Hannover gestorbene Mutter Minna hat Dannie N. Heineman im Jahre 1928 die Stiftung mit Sitz in Hannover gegründet. In der auf den 12.07.1928 datierten Stiftungsurkunde, die sich heute im Stadtarchiv Hannover befindet, heißt es: „Zweck der Stiftung ist neben der steten Pflege des Andenkens der Mutter des Stifters ein ausschließlich mildtätiger. Zur Erfüllung dieses Zwecks soll nach dem Willen des Stifters älteren, bedürftigen, alleinstehenden Damen der gebildeten Stände, vorzugsweise jüdischen Glaubens und vorzugsweise aus der Stadt Hannover, in einem eigenen Stiftungsheim Wohnung und Verpflegung für ihren Lebensabend gewährt werden, und zwar in der Regel unentgeltlich.“ Ursprünglicher Zweck der am 25.07.1928 genehmigten Stiftung war es also, dem genannten Personenkreis einen gesicherten Lebensabend in einem Altersheim zu verschaffen. Das Heimgebäude in Hannover war von dem bedeutenden belgischen Architekten Henry van de Velde entworfen worden. Heinemans Frau Hettie (geborene Meyer), die ebenfalls aus Hannover stammte, half beim Gesamtentwurf, bei der Planung in Brüssel und bei der Aufsicht über die Bauarbeiten vor Ort in Hannover. Das Backsteingebäude ist eines der herausragenden Schöpfungen im Spätwerk van de Veldes. Es ist eine gelungene Verbindung von solidem Stilempfinden und unbedingter Modernität, beeinflusst von zeitgenössischem niederländischem Rationalismus (De Stijl) und Expressionismus (Amsterdamer Schule).